comments 2

Naomie Aldort: Von der Erziehung zur Einfühlung – Wie Eltern und Kinder gemeinsam wachsen können

Auf der Suche nach noch mehr Futter für eine achtsame Erziehung, bin ich auf das Buch von Naomi Aldort gestoßen. Das Buch ist wie Kohns „Liebe und Eigenständigkeit“ im Arbor-Verlag erschienen und ich würde sie als gute Freunde bezeichnen, denn es vermittelt ähnlich wie Kohns Buch ganz behutsam, ohne Vorwürfe, wie Kinder bedürfnisorientiert erzogen werden können.

naomi-aldort1

Es geht nicht darum, das Kinder besser kooperieren oder wie Abläufe im Alltag reibungslos funktionieren, Aldort möchte in dem Buch vor allem vermitteln, wie Eltern aber auch Kinder Selbsterkenntnisse erlangen, statt schimpfend und Konsequenzen androhend durch den Alltag zu gehen.

„Wenn junge Kinder ständig gemaßregelt werden, sind sie durch die  intensiven Gefühle und Wertungen ihrer Eltern oft so verängstigt, dass sie den Inhalt der Aussage überhaupt nicht verstehen“

Ein übergeordnetes Ziel ist dabei, als Eltern zu lernen sich von den eigenen emotionalen Reaktionen zu lösen und oftmals in der eigenen Kindheit erlernten aber inzwischen unerwünschte Konditionierungen abzulegen. Hierfür stellt Aldort die S.A.L.V.E – Formel vor, eine Art Selbstgespräch, das Eltern helfen soll zu hinterfragen, warum sie in Stresssituationen oft ungehalten reagieren und warum es so schwer ist, sich von ungeliebte Verhaltensmuster zu lösen.

naomi-aldort2

Mit der S.A.L.V.E – Formel bekommen Eltern ein Werkzeug in die Hand gelegt, dass sie unmittelbar anwenden können, wenn sie bereit sind, das eigenen Verhalten zu hinterfragen und den Mut haben, sich zu verändern.

„Elternschaft ist ein Weg des Reifens und Wachsens, wenn wir es wagen, mehr zu lernen und weniger zu lehren“

Das beinhaltet beispielsweise, auf Augenhöhe des Kindes zu gehen, sich für ungewollte Handlungsweisen zu entschuldigen und damit offen zu legen, dass auch Eltern Fehler machen oder nicht immer alles in Ordnung bringen zu wollen, sondern Frustrationen des Kindes zu begleiten und auszuhalten.

Die S.A.L.V.E – Formel führt nicht zu weniger Konflikten, im Gegenteil, die durch die Formel erlernte Wertschätzung sorgt für mehr Auseinandersetzungen und emotionalen Ausbrüchen bei Kindern, weil sie sich gesehen und ernst genommen fühlen. Vielmehr bringt es den Eltern bei, ihre Kinder zu sehen, ihr Wesen, ihr Charakter, ihre Bedürfnisse und sie anzunehmen und zu lieben so wie sie sind. Das bedeutet sich auch in stressigen Momenten in die Kinder hinein zu versetzen, in Momenten in denen sie sich im Schneckentempo die Schuhe anziehen, in denen sie beim Kindergeburtstag nicht vom Arm des Vaters wollen, in denen sie beim Zubettbringen das fünftes Buch angeguckt wollen, etc..

Es hilft Eltern, das Verhalten der Kinder nicht als willkürlich, sondern als ernstzunehmendes Bedürfnis anzuerkennen und die vielen oftmals scharfen Ansagen, die sie ihren Kindern täglichen erteilen zu hinterfragen. Aldort hilft das Denken der Kinder zu verstehen und entlarvt viele, in den Augen der Eltern unkooperativen Verhaltensweise, als kindliche Unschuld und Überforderung.

„Das Kind braucht keine Hilfe, um zu lernen, wie es mit uns zusammenleben soll; was es braucht, ist, dass wir ihm vertrauen und seinem Lernen nicht im Wege stehen“

Einem Kind bezüglich seiner Bedürfnisse zu vertrauen bedeutet nicht automatisch auf alle Bedürfnisse des Kindes einzugehen und sie zu erfüllen und wohl möglich seine eigenen nicht mehr zu sehen. Es ist vielmehr ein vermitteln von „ich fühle mich heute so, wie geht es dir, was sind deine, was sind meine Bedürfnisse und wie können wir unseren Tag so gestalten, dass wir uns alle wohl und gesehen fühlen?“ Das klingt jetzt alles sehr pädagogisch und im oftmals schnellen Alltag schwierig umsetzbar, deswegen möchte ich euch zwei Beispiele aus unserem Alltag als vierköpfige Familie geben.

Wir versuchen die Selbstbestimmtheit unserer Kinder zu begleiten und ihre Bedürfnisse zu beachten, ohne sie zu „Könige“ der Familie zu machen und es klappt (meistens) sehr gut.

Es ist erlösend, nicht dauernd Machtkämpfe ausfechten zu müssen, sondern durch aktives Zuhören, herauszufinden, was gerade das Thema ist, um dann gemeinsam nach annehmbaren Möglichkeiten zu suchen. Es ist beeindruckend zu sehen, was Kinder für Lösungen für ihre Probleme finden, wenn man sie nur lässt. Zudem lernen Kinder, die sich die Verhaltensweisen der Eltern genau angucken, die Bedürfnisse andere zu sehen und die eigenen zurück zu stellen, vorausgesetzt es gibt die Sicherheit, dass niemand übersehen wird.

Beispiele aus unserem Familienalltag:

  • Unser kleiner Sohn ist 2 1/2 Jahre und was kurz vor Sommer angefangen hat, manifestierte sich mit der Zeit: er will nackt sein! Über dem Sommer war es kein Problem, es führte sogar dazu, dass er keine Windel mehr wollte und mittlerweile trocken ist. Doch nun haben wir November und das Nacktsein hat immer noch einen hohen Stellenwert bei ihm. Vor allem morgens, wenn er in die Kita gehen soll, rennt er weg, wenn er mich mit seinen Anziehsachen in der Hand sieht und ruft „Nein, Nein, Nein“. Was tun? Wir haben uns dafür entschieden, ihn einfach zu lassen und immer wieder anzubieten ihn anzuziehen. Bis jetzt kooperiert er spätestens nach dem Frühstück und lässt sich ohne Murren und Knurren anziehen. Er weiß, dass sein Bedürfnis ernst genommen wird und freut sich darüber, dass ich auf sein „Ja“ warte.
  • Unser großer Sohn, 5 Jahre alt, hat LEGO für sich entdeckt. Vor Kurzem verzweifelte er morgens um 7h an dem Aufbau seiner Polizeistation.
    Ich kam ins Zimmer und wollte ihn unterstützen, beziehungsweise mein Impuls war eher ihm die Teile aus der Hand nehmen und schnell aufbauen, damit das Thema beendet ist. Doch ich hielt inne und merkte, dass er vor allem sauer über seine Grenzen war, sauer darüber, dass er nicht so konnte wie er wollte und ein zügiges Aufbauen durch mich, seinen Ärger nicht behoben hätte. So versicherte ich ihm, dass ich seine Wut verstehen kann, streichelte ihm über den Rücken und sagte, dass ich nun weiter machen müsste.
    Darauf vorbereitet, dass er gleich aus Verzweiflung, durch die zu hohe Anforderungen an sich selbst zu toben anfängt, machte ich mich an die morgendlichen Aufgaben. Und dann…Stille aus dem Kinderzimmer, als ich gerade den Frühstückstisch deckte, kam er strahlend runter und sagte, dass er nun nicht mehr sauer auf sich sei. Er hat soweit aufgebaut wie er konnte, bei dem Rest soll ich ihm sofort, umgehen, jetzt gleich äh bitte helfen. Diese Selbstregulation hat stattgefunden, weil ich seine Wut gesehen, mein Verständnis ausgesprochen aber nicht eingegriffen habe. Dazu muss ich sagen, dass solche Situationen auch häufig mit Wutausbrüchen verbunden sind und es nicht immer so reibungslos abläuft. Meine Baustelle ist es, die Disharmonie auszuhalten und nicht zu vergessen, wie wichtig es ist, dass er seinem Ärger Luft machen darf.

Beide Erfahrungen, haben uns als Eltern ermutigt weiter zu machen wie bisher, auch in Momenten, die stressig sind oder in denen wir nicht gut drauf sind und es schwer ist, das Handeln unser Kinder nach zu vollziehen und die Dringlichkeit zu sehen, dann gilt es tief durchzuatmen.

Das Umsetzen einer bedürfnisorientierten Beziehung ist nicht so schwer wie angenommen, die eigentlichen Herausforderung liegt vor allem bei dem sozialen Umfeld: die Kita, die (älteren) Nachbarn, die Omas und Opas, die oftmals schwer aushalten können, dass Kindern Entscheidungen scheinbar „überlassen“ werden und sie eigenständige Persönlichkeiten sind. Oftmals werden Kinder die ihre Bedürfnisse äußern können, mit „verzogenen Kindern“ verwechselt und zeigt, dass die traurige Annahme „dass man Kinder sehen aber nicht hören“ darf immer noch weit verbreitet ist.

naomi-aldort3

Die andere Herausforderung ist, das Gefühl auszuhalten nicht alles unter Kontrolle zu haben, denn durch das Mitspracherecht der Kinder, eröffnen sich Möglichkeiten, die zunächst nicht in die Denkweise von Eltern passen. Hilfreich hierbei ist in dem Buch das Kapitel „Selbstausdruck“, in dem anhand vieler Beispiele die Gefühlswelt und Denkweise von Kindern erklärt wird und Eltern ermutigt werden ihre Kinder nicht ständig zu negieren, also den Selbstausdruck des Kindes zu unterbinden und mit Sätzen wie „So schlimm war das doch nicht“, „Davon geht die Welt nicht unter“, „Alles in Ordnung, nichts passiert“ runter zu spielen.

„Wenn man ein Kind daran hindert, seine Gefühle ganz auszudrücken, verschwinden dadurch nicht die Gefühle, sondern nur ihr Ausdruck“

Oftmals handeln Eltern nicht so, weil sie ihre Kinder nicht liebhaben, im Gegenteil, sie handeln so weil sie oft selbst so erzogen wurden und die Stimmen der Kindheit schwer aus dem Kopf zu bekommen sind. Das Kapitel zeigt auf, wie verletzend und wenig hilfreich solche Aussagen für Kinder sind und wie sie ablegt werden können und anstatt dessen gehandelt  werden kann.

Offen für die Gefühle und Ideen der Kinder zu sein, bedarf also Übung und nötigt Eltern zu hinterfragen, warum der eigene Weg immer der beste sein soll, es bedeutet aber auch zu wachsen und sich weiterzuentwickeln und dabei will das Buch Eltern helfen.

Ich habe es mir nach besonders herausfordernden Tagen zur Hand genommen, um mich zu erden, Vertrauen in die Entwicklungsschritte der Kinder zu haben und nicht immer gleich nach Lösungen zu suchen und um darin bestätigt zu werden, dass bei uns nicht gerade alles den Bach runter geht, sondern das hier Familie gelebt wird und wenn jedes Familienmitglied gehört werden soll, dann ist es eben manchmal ganz schön laut und verläuft nicht so wie geplant.

 Hier geht´s zum Buch

 

 

 

 

 

Advertisements

2 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s